Donnerstag, 7. Mai 2015

[Schreibwettbewerb] Das Meer & Ich

 Frau Hauptsachebunt hat zusammen mit dem Ankerherzverlag einen Schreibwettbewerb organisiert. Das Thema lautete "Das Meer und Ich". Wer mitmachen möchte kann seinen Text auf seinem Blog veröffentlichen und diesen danach an Frau Hauptsachebunt senden. Einsendeschluss ist der 1.6.2015.

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Ohne Oma am Strand

"Wo ist Oma?", fragt Mama, während sie bibbernd nach ihrem Badetuch greift.

"Sie ist gestorben und wir haben sie da begraben." Ich zeige mit der Schaufel auf Lucas Sandburg.
Mama wirft ihr Tuch beiseite und beginnt hektisch zu buddeln, gleichzeitig heult Luca los wie eine Sirene, weil er unseren Sandburgen-Wettbewerb nicht verlieren möchte. Papa grinst mich an, was Mama irgendwie mitbekommt, denn sie hört mit ihrer Wühlerei auf und kommt auf mich zu. Wenn ich so in ihr Gesicht blicke, bin ich ganz froh, dass ich die Metallschaufel in der Hand halte und nicht sie.
"Bist du wütend, weil wir ihr keine Blumen aufs Grab gelegt haben?"
Keine Reaktion, sie blinzelt mich nur wütend an. Anscheinend ist sie heute nicht zu Spässen aufgelegt.
Dann zetert sie und macht nur eine kurze Pause um noch einmal zu fragen, wo Oma ist. Ich weiss es nicht, also schimpft sie lautstark weiter. Manche Strandnachbarn rücken ihre Liegetücher diskret von uns fort. Andere packen kopfschüttelnd ihre Sachen zusammen und hauen ab. Das kann Mamas Wut allerdings nicht besänftigen und leider auch nicht von mir ablenken. Papa schafft das kurze Zeit später mit einem einzigen Blick.

"Du hast der Tussi hinterhergeglotzt, du elender Schuft!" Ich widme mich endlich wieder meiner Sandburg. Luca hat in der Zwischenzeit ganz schön aufgeholt.

Papa seinerseits wird vom Handy vor Mamas Geschrei gerettet. Zuerst flucht sie bei der Suche nach dem Ding und danach macht es keinen guten Eindruck, wenn sie telefoniert und gleichzeitig mit Papa schimpft. Ich habe sogar meine Zweifel, ob Mama beides überhaupt zeitgleich kann. Ein wenig später steckt sie ihr Handy zurück in ihre Strandtasche.

"Ich weiss, wo Oma ist. Wir können sie von der Polizeiwache abholen. Sie hat irgendeiner Tussi eins mit ihrem Gehstock übergezogen, weil die sich auf der Toilette vordrängen wollte." Mama scheint richtig stolz auf ihre Mutter zu sein.

"Das war bestimmt die Frau, der ich vorhin nachgeblickt habe. Die hatte etwas Kriminelles an sich, diese Gefahr musste ich einfach im Blick behalten", neckt Papa und bekommt dafür einen Klapps auf den Oberarm.

Gemütlich streckt Papa sich auf seinem Handtuch aus und schließt die Augen.

"Hallo! Mann!", blafft Mama ihn an und steht auf. "Wir sollen Oma abholen, schon vergessen?"

Papa räkelt sich und grinst, öffnet die Augen aber immer noch nicht und macht schon gar keine Anstalten aufzustehen.
"Wir holen sie in ein, zwei Stunden ab, wenn wir sowieso da vorbei fahren. Ich vermisse deine Mutter im Moment noch nicht so arg."

Mama antwortet nicht, sondern dreht ihre Wasserflasche auf und schüttelt den Rest auf Papas nackten Bauch, der blitzschnell und schreiend aufsteht. Mama wirft ihm sein T-Shirt zu und packt die Tücher ein. Omas Liegestuhl und unsere Sandsachen bleiben liegen. Luca und mich scheinen sie auch zu vergessen.

"Leo, Leooo, Leeoo. Wach endlich auf" Die Stimmer meiner Mutter wird immer lauter, weil ich tue als würde ich schlafen. Aber nein, ein Albtraum war das nicht, meine Familie ist wirklich so und wenn man denkt, das wars, schlimmer kann es nicht mehr werden, dann kennt man meine Familie nicht. Die kann immer noch schlimmer.

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