Samstag, 7. Juni 2014

Fussball WM für Leser: Kroatien


Ausfahrt Zagreb-Süd - Edo Popovic
Sie haben die 40 längst überschritten, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat sie ihrer besten Jahre beraubt. Sie sind zu alt für Rock & Roll, aber zum Sterben noch zu jung. Bebas Erfolg als Schriftsteller liegt schon eine Weile zurück, er irrt alkoholselig durch sein Restleben. Seine Frau rettet sich in die virtuelle Welt und nutzt die E-Mail als Therapie-Ersatz. Sein Freund, der ehemalige Rechtsanwalt Kanceli, haust, von seiner Familie verlassen, in einer ausgeräumten Wohnung. Die Versprechen der Demokratie: für Popović´s Helden erweisen sie sich als nicht besonders überzeugend. Popović entwirft ein skurrilsympathisches Panorama jener verlorenen Generation, die im 20. Jahrhundert gesoffen hat und im 21. Jahrhundert nüchtern geworden ist.

Freelander - Miljenko Jergovic
Freelander nimmt den Leser - wie schon der Roman Buick Rivera - mit auf eine rasante Fahrt. Der pensionierte Gymnasiallehrer für Geschichte Karlo Adum erhält ein Telegramm, das ihn zu einer Testamentseröffnung in seine Geburtsstadt Sarajevo zitiert. Widerwillig und eigens mit einer Pistole bewaffnet, verlässt er Zagreb und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise. Je näher er in seinem treuen alten Volvo dem Ziel seiner Reise kommt, desto mehr Erinnerungen steigen in ihm auf: an seine hübsche, grausame »Mama Cica«, die gern mit deutschen und italienischen Offizieren flirtete; an den verrückt gewordenen Vater; an die von der Ustascha erhängten Kommunisten vor der Kathedrale; an die Fahrt zum Meer in einem Bus mit geistig behinderten Kindern und an seine eigenen Verfehlungen in einer Welt voller nationaler Animositäten. Miljenko Jergovic zeigt sich erneut als Sprachkünstler von fulminanter Erzählfreude. Inspiriert von der Landschaft, durch die die Reise geht, sinniert er mal melancholisch, mal urkomisch über die menschliche Dummheit und den Sinn des Lebens.

Ein herrlicher Ort für das Unglück - Damir Karakas
Von der Mehrheit der Franzosen als Landstreicher und Penner verachtet und in Paris nicht akzeptiert, erzählt der Autor in seinem autobiografischen Roman von seinem "französischen Traum", den er vergeblich zu verwirklichen sucht.
Im Roman schildert er Paris aus der Sicht des Außenseiters. Paris erscheint als ein finsteres Loch, in dem sich die Einwandererschicksale einander ähneln. Ein Leben in unerträglichen Wohnverhältnissen, Gelegenheitsjobs am Rande der Legalität. Straßenkünstler werden von der Polizei verfolgt.
Der Leser erlebt Straßen und Ecken von Paris, berühmte Touristenziele, die als "Arbeitsplatz" der Straßenkünstler einen ganz anderen Einblick gewähren. Der Balkan, dessen Armut der Held entflieht, holt ihn in Gestalt von Kriminellen ein. Als er es ablehnt, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, muss er um sein Leben fürchten.Gleichzeitig macht der Protagonist eine Ausbildung an der Universität, besucht die faszinierenden Bibliotheken und Museen, führt intensive Gespräche mit anderen Künstlern.
Aber Paris erlebt er als eine fremdenfeindliche Stadt, in der die Einflüsse der herrschenden Politiker und auch die rechtsextreme Partei Front National von Le Pen tiefe Spuren hinterlassen haben. Die Emigranten sind unerwünscht, vor allem, wenn sie aus Ländern stammen, die keine EU-Mitglieder sind.
Bei einer Razzia wird der Protagonist von der Polizei abgeführt und grundlos inhaftiert. Die Untersuchungshaft verbringt er in apokalyptischen Katakomben, in denen einst, während der Revolution, die Insassen auf die Guillotine warteten. Trotz legaler Reisepapiere folgt nach einem kafkaesken Prozess die Abschiebung in sein Heimatland.

Gebrauchsanweisung für Kroatien - Jagoda Marinic
Türkisblaues Wasser, Nationalparks, Kunstschätze und ein entspannter Tourismus: Jagoda Marinić geht zwischen Rijeka, Brod und Split, zwischen Zagreb, der produktiven Metropole, und Dubrovnik, der "Perle der Adria", den Klischees auf den Grund.
Die Autorin kennt die kreative Szene der Hauptstadt und das kulturelle Erbe; sie weiß, worin der Zauber Istriens liegt und warum Italien und Kroatien so lange um diesen Flecken Erde gerungen haben. Weshalb für jeden Kroaten der Balkan ganz woanders anfängt. Wieso neben Fußball auch Wasserball als Nationalsport so wichtig ist und wo die Tradition dalmatinischer Männerchöre hochlebt. Wie Winnetou aus dem Wilden Westen zu den Plitwicer Seen kam. Warum man in kroatischen Dörfern keinen Nachnamen braucht und dass im Süden des Landes kein Weg an Medjugorije und der Muttergottes vorbeiführt. Sie verrät, wo die Paprikawürste am besten schmecken und wie Sie sich für einen Reifenwechsel wappnen. Und warum Marco Polo vielleicht doch Kroate war.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen